BLUEGRASS-INFORMATIONEN 2011

Hazel Dickens ist tot
Nachruf von Walter Fuchs

Am Karfreitag, 22. April 2011, ist im Alter von 75 Jahren die Komponistin, Sängerin, Bassistin und Gitarristin Hazel Dickens in Washington D.C gestorben. Mit ihr verlor die Welt der Bluegrass Music eine der ersten Frauen, die sich Mitte der 60er Jahre in die bis dahin von Männern dominierte Bluegrass Szene vorgewagt hatte. Sie war damit zum Vorbild für Emmylou Harris geworden.
Geboren und aufgewachsen in einer armen Bergmannsfamilie in West Virginia lernte sie das Leben von der schlimmsten Seite kennen. Früh entwickelte sie ein grosses soziales Verantwortungsgefühl, schrieb Songs mit sozialkritischen Texten im Stil der Hillbilly Music, wurde zur Feministin und engagierte sich für die Gewerkschaften. Hazel Dickens freundete sich mit Mike Seeger, dem Halbbruder von Pete Seeger, an und gehörte in den 60er Jahren bald zum sehr aktiven Kreis der Folkmusic Szene von Baltimore-Washington. Zusammen mit Mike Seegers Frau, Alice Gerrard, sang sie im Duett und beide nahmen als „Hazel & Alice“ mehrere LPs auf. Anfang der 70er Jahre gehörte Hazel Dickens der kurzlebigen Band „The Strange Creek Singers“ an und arbeitete schliesslich ab Mitte der 70er als Solistin. Sie wirkte in Filmen mit und konzentrierte sich mehr und mehr auf ihre Live-Auftritte bei Konzerten und Festivals. Ihr Musikstil blieb dabei immer archaisch und absolut authentisch, ihr grösstes Anliegen blieb bis zum Ende ihres Lebens die Sorge um die Unterprivilegierten und die Chancenlosen. Und dass dieser Einsatz nicht umsonst war, beweisen die zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen, die Hazel Dickens im Lauf ihres Lebens als Folk- und Bluegrass- Musikerin und nicht zuletzt als Mahnerin für mehr Mitmenschlichkeit erhalten hatte. Einer ihrer letzten Live-Auftritte war bei der Austin SXSW Music Conference im März 2011.

Übrigens besuchte Hazel Dickens im Herbst 1973 im Rahmen einer Tournee der Strange Creek Singers auch Bühl/Baden und wohnte dort zusammen mit der Band, zu der auch Mike Seeger, Tracy Schwarz, Alice Gerrard und Lamar Grier gehörten, bei Familie Walter Fuchs in der Karl-Fanz-Strasse 16. Dort wurde auch zum Abschied das inzwischen historische Foto geschossen.

v.l.n.r: Tracy Schwarz, Lamar Grier, Hazel Dickens, Mike Seeger, Marianne Fuchs, Alice Gerrard sowie die beiden Kinder Patrick und Boris Fuchs. Weitere Informationen: >> www.ebma.org

April 2011
Bluegrassfestival Bühl 2011 – Pressekonferenz

Acher- und Bühler Bote vom 13.04. 2011
(öffnet sich durch anklicken vergrößert)
Badisches Tagblatt vom 13.04. 2011
(öffnet sich durch anklicken vergrößert)
Acher- und Bühler Bote vom 22.02. 2011
(öffnet sich durch anklicken vergrößert)

Badisches Tagblatt vom 22.02. 2011
(öffnet sich durch anklicken vergrößert)

Badisches Tagblatt vom 21.02. 2011
(öffnet sich durch anklicken vergrößert)
Badisches Tagblatt vom 19.02. 2011
(öffnet sich durch anklicken vergrößert)
Acher- und Bühler Bote vom 11.02. 2011
(öffnet sich durch anklicken vergrößert)

Februar 2011
European Bluegrass Music Association tagt zum 3. Mal in Bühl!

Vom 18. bis zum 20. Februar 2011 trifft sich die European Bluegrass Music Association (EBMA) zu ihrem dritten Summit in Bühl, um im Bürgerhaus Neuer Markt Kontakte zu pflegen und in kleinen Arbeitskreisen Aktualitäten auszutauschen und Hilfe bei Problemen in den einzelnen Ländern anzubieten. Etwa 50 Teilnehmer (die Teilnehmerzahl ist auf 50 begrenzt) aus 11 europäischen Ländern, angefangen von Norwegen über Italien bis Russland haben sich angemeldet. Quantitativ am besten vertreten sind Tschechien und Deutschland. Aus den USA kommt ein wichtiger Repräsentant der International Bluegrass Music Association (IBMA) nach Bühl, der Rechtsanwalt Dwight Worden aus San Diego, Vorstandsmitglied der IBMA und selbst Event Producer, der sich vom 17. bis 21. Februar in Bühl aufhalten wird.
Gleichzeitig mit der EBMA tagt auch in Bühl die German Bluegrass Music Association (GBMA), die vor einem Jahr in Bühl gegründet wurde. Präsident ist Rechtsanwalt Friedrich Hog.
Nach einer kurzen Begrüßung am Freitagnachmittag im Bürgerhaus Neuer Markt treffen sich die Teilnehmer zu einem gemeinsamen Abendessen in einem Bühler Restaurant, um sich anschliessend zu einer gemütlichen, lockeren Jamsession zusammenzufinden, schließlich spielen recht viele Summit-Teilnehmer ein Instrument.
Höhepunkt des 3-tägigen Gipfeltreffens wird das öffentliche EBMA Bluegrass Konzert am Samstag, 19. Februar 2011 um 19.00 Uhr, im Bürgerhaus Neuer Markt sein. Verpflichtet wurde eine Spitzenband aus den USA, die Gruppe „Monroe Crossing“, aus den Niederlanden kommt „4 Wheel Drive“ mit der Sängerin Jolanda Peters und Osteuropa wird repräsentiert von der Tschechischen Band „G-Runs `n Roses“.
Am Sonntagnachmittag klingt das 3-tätige Meeting dann aus und die 50 Teilnehmer werden den Namen „Bühl“ wieder einmal mehr nicht nur in guter Erinnerung behalten, sondern auch nach Europa hinaus und in die USA tragen.


Vorverkauf EBMA Bluegrass Konzert (Nummerierte Plätze):
Bürgerhaus Neuer Markt, Bühl, Tel. 07223/931616 oder www.ebma.org

Mittwoch, 03.11.2010
Pressekonferenz zum 9. Intern. Bühler Bluegrass Festival

Nur zufriedene Gesichter gab's am 3. November 2010 während und nach der 1. Pressekonferenz zum 9. Internationalen Bühler Bluegrass Festival. Es werden 3 bekannte und zum Teil legendäre Bluegrass Bands aus den USA antreten und es kommt zu 3 Länderpremieren mit Bands aus Kanada, England und der Schweiz. Das musikalische Spektrum ist wieder breit gefächert und die Mischung stimmt, sodaß das Jahr 2011 mit dem 9. Bühler Bluegrass Festival am 13. und 14 Mai zusammen mit dem großen Jubiläumskonzert zum 10-jährigen Bestehen der European Bluegrass Music Association EBMA am 19. Februar 2011, ebenfalls im "Bürgerhaus Neuer Markt", für die Bluegrass Freunde in ganz Europa spannend werden dürfte.
 
v.l.n.r.: Walter Fuchs, OB Hans Striebel, Kulturbüroleiterin Petra Ewert, Vorsitzende der EBMA Angelika Torrie (Schweiz) und Vorsitzender der GBMA Friedrich Hog

Viktorianische Kutschen und traumhaft gute Musik:
09. Internationales Bühler Bluegrass Festival bietet Weltniveau

Die Verpflichtung von Doyle Lawson & Quicksilver zum Bühler Bluegrass Festival versprach ein außergewöhnliches Highlight. Umgekehrt hatte sich der große Bandleader sehr auf seinen ersten Deutschlandbesuch seit 15 Jahren gefreut. Die Symbiose der positiven gegenseitigen Erwartungen gipfelte in einer unvergesslichen musikalischen Leistung und einem absoluten Begeisterungshoch beim Publikum. Begonnen hatte alles mit einem erfreulich gut besuchten Freitagskonzert und zwei viktorianischen Kutschen am Samstag am randvoll gefüllten Johannesplatz.

Freitag, der 13. sollte seinem Namen alle Ehre machen. Moderator Walter Fuchs wurde im Vorfeld des Festivals vom Flaschengeist eingeholt, der in dessen Wagen der wertvollen Flasche Schnaps entkommen ist, die als Geschenk für einen der Musiker gedacht war. Der Wagen hat jetzt etwas von einer Destillerie, aber der Geist erwies sich dann für den Ablauf des gesamten Bühler Bluegrass Festivals als der gute Geist des Hauses. Schon am Freitag, den 13. Mai 2011 war der Saal des „Bürgerhaus Neuer Markt“ weitgehend gefüllt mit Fans, die niveauvollen Bluegrass erleben wollten. Drei Länder waren diesmal erstmals in Bühl vertreten, darunter die Schweiz, deren Sunny Mountain Grass den Auftakt machten. Nach der Anmoderation von Walter Fuchs, wie immer pünktlich, legte das seit 23 Jahren aktive Quintett mit klassischem Bluegrass los, dass es von Anfang an eine wahre Freude war. Bestens donnernder Bühler Applaus war der Formation von Anfang an sicher, die mit der Dobro-Gitarre ein beliebtes, aber rares Instrument im Aufgebot hatten. Ihr Repertoire beinhaltete eigene Kompositionen der Band ebenso wie Eisenbahnklassiker wie „Fireball Mail“, „Blue Train“ oder „Bluegrass Express“, mit denen sie bestens in Fahrt kamen. Hochklassig ihr dreistimmiger Satzgesang und die Mandoline im Instrumental „Billy In The Low Ground“. Die Instrumente waren dank einer ausgereiften technischen Leistung von Soundman Hans Ebers stets differenziert zu hören, immer in sehr angenehmer Lautstärke. Das hat sich über beide Tage hinweg bewährt.

Klassischer Bluegrass kann kaum schöner klingen als bei „Rose Of Old Kentucky“, eingeleitet vom Dobro, Robert Brunner baut selbst die entsprechenden Instrumente. Die Arrangements der Band für die sehr alten Stücke „Hard Times“ und „Handsome Molly“ waren angemessen, und so war die erste Pause durch „Bringing In The Georgia Mail“ so rasch erreicht, wie das ansonsten nur die Eilpost bewerkstelligen kann.

In ihrem zweiten Set, der nach 15 Minuten Pause folgte, spielten Sunny Mountain Grass mit „Walkin’ In Jerusalem“ ein Gospelstück und ihre „Sunny Side Up“ bezeichnet eine Art, das Spiegelei zu servieren. Wenn die Stimmung nicht ohnehin schon super gut war löste spätestens der „Mule Skinner Blues“ im Publikum Begeisterungsstürme aus, was für die Zugaben noch eine Ballade, nämlich „Who Will Watch The Homeplace“ ermöglichte. Mit dem „Foggy Mountain Breakdown“, der kaum vom Original im Film „Bonnie & Clyde“ zu unterscheiden war, löste die Band Szenenapplaus aus, Spitzenleistung auf allen Instrumenten. So vielseitig kann die Musik auf der Basis des traditionellen Bluegrass sein und noch wesentlich mehr Vielseitigkeit brachte der zweite Teil des Abends mit Valerie Smith & Liberty Pike.

Die Band um Valerie Smith und Becky Buller, die seit 10 Jahren die Fiddle und das Clawhammer Banjo für die Formation bedient, war nur im Quartett aufgestellt, umso mehr kommt es im Einzelfall auf die präzise und auch unterhaltsame Umsetzung der Musik an. Das gelang der Band vorzüglich, energiegeladen und kompetent starteten sie mit dem „Engineer“. „There Is A Time“ und „Slow Healing Heart“ nahmen die Geschwindigkeit etwas heraus, das Publikum hörte gerne zu. Twin Fiddles und ein Tänzchen von Energiebündel Valerie Smith brachten gleich wieder Stimmung und die Showeinlagen von Becky Buller, als sie „Just Because“ sang, waren auch nicht zu verachten. Die Instrumente wurden durchgewechselt, Valerie Smith selbst hatte im Laufe des Abends Mandoline, Fiddle und Gitarre in der Hand. Die aktuelle EP „Blame It On The Bluegrass“ hat Valerie Smith im International Bluegrass Music Museum in Owensboro, Kentucky aufgenommen, leider nur sechs Stücke, eines schöner als das andere und das ahnte man schon anhand der Liveversionen auf der Bühne. „Abwechslung pur“ bedeutete im Falle von Valerie Smith & Liberty Pike nicht nur eine deutliche Abgrenzung zu Sunny Mountain Grass, sondern auch sehr gegensätzliche Titel im eigenen Repertoire wie „Wayfaring Stranger“, gefolgt von Becky Buller’s Version des Bangels-Klassikers von 1986 „Walk Like An Egyptian“. Der Drumcomputer-Beat aus dem Original wurde durch virtuose akustische Instrumente ersetzt, so hat man einen neuen Bluegrass-Klassiker kreiert. Dass Becky Buller noch „Sweet Home Alabama“ von Lynyrd Skynyrd und „99 Luftballons“ von Nena folgen lassen würden, wer hätte es gedacht.

Im zweiten Set setzte sich der „Big Ole Train“ gut in Bewegung, was auch Raum für Balladen schaffte wie „I’m Not Lisa“, die bekannteste Nummer von Jessi Colter, der Witwe von Waylon Jennings. Valerie Smith hatte das Glück, Ol‘ Waylon persönlich zu kennen und von ihm zu lernen, von Herzen zu singen und zu sich selbst zu stehen. Der Endspurt wurde eingeleitet mit „Dancin‘ By The River“ und Becky durfte noch „Muss I Denn“ singen. Der Unterhaltungswert der Band war mithin gesteigert, Bassist David Tousley zudem immer für einen virtuosen Basslauf gut. „Bei Mir Bist Du Schön“, „OBS“, das Publikum tobte und wurde mit einem Finale aller Musiker in die Nacht entlassen, „Will The Circle Be Unbroken“.

Der Wettergott war am Samstag voll auf der Seite der Bühler und der Bluegrass Fans. Sonne und Wärme empfingen die zahlreichen Besucher am Johannesplatz, die schon erntefrisch Erdbeeren, Spargel und Kartoffeln einkaufen konnten, an den Tischen der Cafés Platz genommen haben und schon um 10.30 Uhr 30 Minuten Redgrass aus Kanada geboten bekamen. Die Band war mit einer viktorianischen Kutsche vom Hotel zum Johannesplatz gefahren worden, musizierend versteht sich. Entsprechend aufgeregt waren die drei Musiker aus Vancouver, an der Westküsten Kanadas gelegen, vor ihrem ersten Bühler Set, was man ihnen aber nicht anmerkte, im Gegenteil, frisch und frech klangen ihre Lieder, das hatte Stil und Niveau, drei junge Künstler mit viel Gefühl für mehrstimmigen Gesang und exzellenter Instrumentenbeherrschung. Nach ihrem Auftritt fuhren sie mit der Kutsche wieder weg, kurze Zeit später hatten die Toy Hearts aus dem englischen Birmingham das Vergnügen. England, ebenso wie Kanada und die Schweiz, war erstmals in Bühl vertreten. Der Johannesplatz war weiterhin bestens besucht und die Wirkung der Band kam beim Publikum gut an.

Das eigentliche Festival wurde um 14 Uhr im Bürgerhaus Neuer Markt von Redgrass eröffnet. Bandleader Kris Boys bediente die Mandoline, Sean Cronin den Kontrabass „Erna“ und Steve Charles wechselte von Gitarre auf Banjo und zurück. Die sonore Baritonstimme von Kris Boyd hebt das Trio von der Mehrzahl der Bluegrass Bands ab, die eher auf Tenorgesang setzen. Er mag an den jungen Eddy Arnold erinnern, oder an den jungen Randy Travis, was aber kein schlechtes Markenzeichen ist. „Summertime Is Past And Gone“, Wehmut brachten sie zum Ausdruck, aber auch dreistimmiger Satzgesang in „Kitchen Floor“ wurde zu Gehör gebracht. Das sind durchaus Themen und Stilelemente des Bluegrass, den sie als Trio definitionsgemäß nicht spielen können, von dem sie im Übrigen aber nur unweit entfernt sind. Wenn Sean mal zur Gitarre greift, dann hat „Erna“ der Bass Pause, Abwechslung auch im Rahmen ihrer Bühnenshow. Als Zugabe sangen sie „Ann“ vom Kingston Trio, die dem Bluegrass auch nahe standen.

Das Quartett Special Consensus aus Chicago, Illinois spielte den ersten 90-minütigen Set in der Geschichte des Bühler Bluegrass Festivals, was wahrscheinlich eine Ausnahme bleiben dürfte. Die Besetzung des diesjährigen Festivals mit zwei legendären US-Gruppen legte diesen Ablauf aber nahe. Rick Ferris an der Mandoline ist hier neben Bandleader Greg Cahill der bekannteste Musiker in der aktuellen Besetzung. Das von ihm gesungene „Blue Night“ blendete auf den Mandolinisten Bill Monroe zurück, den Vater des Bluegrass, der im September 2011 seinen 100. Geburtstag hätte feiern können. Greg Cahill war sechs Jahre lang der Präsident der International Bluegrass Music Association (IBMA), nach der turnusgemäßen Ablösung ist er aktuell Präsident der Foundation of Bluegrass, seit 36 Jahren führt er die Band.

Neben klassischem Bluegrassmaterial und ein wenig Gospel („Way Up In The Air“), z.T. im vierstimmigen a capella-Gewand, sang die Gruppe auch eigene Kompositionen und sogar „Blue Skies“ von Irving Berlin. Zurück zum klassischen Bluegrass fanden sie mit „Trail Of Aching Hearts“. „Goin‘ To Carolina“ hatte Becky Buller gemeinsam mit Justin Carbone geschrieben, dem früheren Gitarristen von Special Consensus. So zeigen sich immer wieder Verbindungen auf, die letztlich auch mitursächlich sind für den ständigen Wechsel der Musiker von der einen Bluegrass Band zur nächsten. Das Lied hat Greg Cahill aber in der Band behalten, schließlich hatte es in der Hitparade der Fachzeitschrift „Bluegrass Unlimited“ Platz 2 belegt. Ein wenig Swing kam bei „Sweet Temptation“ rein, das Ricky Skaggs vor rund 30 Jahren in den Bluegrass geholt hatte. Mit Michael Martin Murphey’s „Carolina In The Pines“ setzten sie ihren Höhepunkt, als Zugaben gab es „I’m On My Way Back To The Old Home“, mit dem der Kreis zu Bill Monroe geschlossen wurde.

Die Schwestern Hannah und Sophie Johnson von den Toy Hearts hatten inzwischen kurze Röckchen und High Heels angezogen, und waren daher für Äuglein und Ohren von Interesse. 45 Minuten lang brachten auch sie Monroe („Sweetheart Of Mine), aber auch viel Swing und als Beatles Fans deren Einflüsse, die freilich ihrerseits den mehrstimmigen Gesang von den Louvin Brothers und den Everly Brothers abgeguckt hatten. Vater Stuart Johnson wechselte vom Banjo zum Dobro und zurück, „Right Or Wrong“, Western Swing Klassiker. Die riesige Bandbreite ihrer unterschiedlichen Einflüsse reicht bis zum französischen Gitarristen Django Reinhardt. Das sorgte für Auflockerung im Festivalablauf. Dass man „Tequila & High Heels“ nicht miteinander verquicken sollte, liegt auf der Hand, nach einem Broadway-Besuch in Nashville haben sie diese pfiffige Nummer verfasst. Mit „Blue Trail Of Sorrow“ fanden sie zum reinen Bluegrass zurück und der Western Swing Klassiker „Take Me Back To Tulsa“ ebnete den Weg für die 90-minütige Pause, die Gelegenheit gab, in der Stadt nochmals einzukaufen, das Abendessen einzunehmen oder im Hotel oder Auto den wohltuenden Mittagsschlaf nachzuholen.

Nachdem Moderator Walter Fuchs um 19 Uhr den Medienpartnern namentlich für ihre Berichterstattung im Vorfeld und Nachgang des Festivals gedankt hatte, sowie den scheidenden Oberbürgermeister Hans Striebel im Publikum begrüßen konnte, läuteten Redgrass mit dem flotten Bluegrass Klassiker „Shady Grove“ das Abendprogramm ein. Hier hatten sie ihre Perlen untergebracht wie „Jenny Lynn“, deren große schlanke Figur ihn regelmäßig zum Mann macht. Johnny Cash’s „Get Rhythm“ wurde nur auf Kontrabass „Erna“ begleitet, die am Vortag scheinbar wundersam in Sean Cronin’s Hotelzimmer aufgetaucht war, wie er berichtete. Steve Charles hat „Bluegrass Saved My Life“ geschrieben, unter Verwendung etlicher bekannter Songtitel des Genres. Lustig ging’s weiter mit „Hydraulic Oil“ und dem unwiderstehlichen „Milk And Honey“. Auch „Waitin‘/Whiskey“ riss die Zuschauer mit, die Musik von Redgrass war durchweg ein musikalisches Highlight.

Die Toy Hearts setzten nach kurzer Pause mit Hank Williams‘ „Your Cheating Heart“ fort. Vom Blues-orientierten Americana Star Ray LaMontagne holten sie sich „You Can Bring Me Flowers“ in den Bluegrass. Die rare Elvis-B-Seite „When It Rains, It Really Pours“ machte sich auch ganz gut bei den fünf Engländern, man könnte auch sagen, sie rissen mit ihrem zweiten Set das Haus ein, so begeisterungsfähig war das Publikum.

Schließlich waren Doyle Lawson & Quicksilver aus Bristol, East Tennessee, mit großer Spannung erwartete Headliner des Festivals, am Zug. Vom ersten Ton an ließen sie nichts anbrennen und es war sofort klar, wer der Chef im Ring war und warum Doyle Lawson seit 32 Jahren diese Formation von Erfolg zu Erfolg führt. Angefangen hatten sie 1979 als Quartett, inzwischen durchlaufen sie soeben die Ausdehnung vom Sextett zum Septett, denn der frühere Bassist Carl White übernimmt gerade von Mike Rogers das Schlagzeug in der Band, das der frühere Schlagzeuger des Country Stars Craig Morgan auf der brandneuen Doyle Lawson & Quicksilver-CD „Drive Time“ eingeführt hatte. Das Schlagzeug war nicht mitgekommen auf Europatournee, aber Carl White hatte als Techniker für die Umsetzung der genialen Arrangements des Meisters gesorgt und war für einige Stücke an Gesang und Bass auf die Bühne gekommen.

Energie pur beim Einstiegstitel „Mississippi River Let Your Water Flow“, wunderschöne Balladen, rasante Instrumentals, a capella-Gospels, hier waren alle Stilelemente des Bluegrass in Vollendung vertreten. Doyle Lawson ist nach wie vor ein filigraner Mandolinist und außerirdisch gut ist der junge Dobro-Spieler der Band, Josh Swift. Er dürfte Jerry Douglas und Rob Ickes in Sachen Awards zeitnah mächtig Konkurrenz machen, seine Läufe auf der Resonatorgitarre sind von bisher unbekannter Machart und Qualität, dem Instrument neue Dimensionen eröffnend. Aus „Drive Time“ durften natürlich auch einige Stücke schon live auf die Bühne, „Love On Arrival“ z.B., von Dan Seals geschrieben und von diesem 1990 für drei Wochen an die Spitze der US Country Charts getragen. Mike Rogers hat der Band nicht nur das Schlagzeug als siebtes regelmäßiges Instrument verpasst, sondern auch als Songschreiber seine Spuren hinterlassen, „Leaving And Loving You“. Jesse Baker sang das Stück, er war Anfang des Jahres von Michael Cleveland & Flamekeeper, mit denen er im Dezember 2010 noch eine ausgiebige Deutschlandtournee unternommen hatte im Rahmen des „Bluegrass Jamboree“, zu Doyle Lawson gewechselt und bediente das Banjo vorzüglich. Er sorgte stets für den Drive, ohne dabei zu weit nach vorne zu fahren.

Mit „Gone At Last“, ebenfalls von der neuen CD „Drive Time“ verabschiedete sich die Band in eine 15-minütige Pause, die Doyle Lawson nutzte, um seine Fans zu treffen, Autogramme zu geben, gemeinsame Fotos zu machen und mit ihnen zu plaudern. Das hatte er im ausführlichen Interview ja bereits angekündigt und ihm war die Freude anzumerken, erstmals seit 15 Jahren wieder in Deutschland zu sein. Die Fans konnten nicht genug bekommen von Doyle Lawson, „Bluegrass Rockstar“.

Der zweite Set der Formation begann mit ihren frühen Klassikern „Julianne“ und „The Blue Road“, letzteres von Marshall Wilborn geschrieben, mit dem Jesse Baker gemeinsam bei Michael Cleveland & Flamekeeper war. Auch „Babylon’s A-Fallin‘“ haben sie schon lange im Repertoire, weil hier der Gospelgesang so schön eingebracht werden kann. Viele Aktionen wurden mit Szenenapplaus belohnt und Qualität und Unterhaltungswert erreichten über den gesamten Auftritt hinweg absolutes Weltniveau. Mit „Blue Train“ konnte sich die Band nochmals richtig ausleben, was zu standing ovations führte und zu drei Zugaben, u.a. das wunderschöne „On The Sea Of Life“, das ebenfalls seit Urzeiten von der Band gesungen wird. Doyle Lawson versteht es, die ursprüngliche Kraft der Lieder auch mit neuen Musikern zu erhalten, die Stücke bleiben sich treu. Nachdem die standing ovations nicht enden wollten, gab es zwei weitere Zugaben und schließlich um Mitternacht ein grandioses Finale aller Musiker des Tages, einschließlich Doyle Lawson und Greg Cahill. Klassiker wie „My Sweet Love Ain’t Around“ oder „Nine Pound Hammer“ eignen sich hierfür, da sie von allen beherrscht werden.

Am 04. & 05. Mai 2012 steigt das 10. Internationale Bühler Bluegrass Festival. Alecia Nugent aus Louisiana wird mit ihrer Band dabei sein, sie wurde von der SPGMA bereits mehrfach zur besten traditionellen Bluegrass Sängerin des Jahres gewählt. Die weiteren teilnehmenden Bands wird Walter Fuchs ungefähr im November bekanntgeben, er hat versprochen, das Niveau werde gehalten.

Friedrich Hog

Doyle Lawson & Quicksilver “Drive Time”
Mountain Home MH13452

Gone At Last/ Country Store/ Leavin’ And Lovin’ You/ Love On Arrival/ The Greenbrier Hop/ Precious Memories/ Gone Long Gone

Wer über 50 fantastische und musikalisch weit überdurchschnittliche Alben produziert hat, von dem erwartet man normalerweise kaum noch wesentliche Steigerungen oder gar Veränderungen. Nicht so bei Doyle Lawson, der offensichtlich immer wieder für eine Überraschung gut ist. Amerikanische Kritiker bewerten Lawsons augenblickliche Band ohnehin als seine beste aller Zeiten. Kurz vor seiner Europa-Blitz-Tournee kam nun Doyle Lawsons neuestes Album auf den Markt mit eben dieser neuen Besetzung und man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Was diese Band in nur 7 Titeln (in den USA werden die gebotenen Titel weniger, dafür die ganze CD billiger) präsentiert, das verdient höchstes Lob. Die Band, stil- und griffsicher wie immer, kommt durch eine Schlagzeugbesetzung mit etwas kräftigerem Beat richtig in die Gänge, der mehrstimmige Gesang wirkt filigraner und transparenter als früher und die Songtexte sind packend, zum Beispiel „Gone At Last“ in halsbrecherischem Tempo, „Gone Long Gone“ oder „Country Store“, die wehmütige Beschreibung eines alten ländlichen Krämerladens, der bald verschwunden sein wird. Die 7 Musiker liefern eine grossartige musikalische, dabei auch solistische, Leistung ab, dass man bedauert anstatt der 7 Titel nicht doppelt so viele serviert zu bekommen. Und so startet man diese CD immer und immer wieder. Gut, dass sich CDs nicht wie die früheren Vinylscheiben durchs viele Abspielen abnützen.
An dieser Stelle möchte ich eine kleine Anleihe machen bei Bertram Eisenhauer von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der in Bezug auf Alison Krauss kürzlich einen Satz prägte, den ich an dieser Stelle auf Doyle Lawson anwenden möchte: „Lawson und seine Musik nicht zu kennen ist schädlich für die seelische Gesundheit.“ Die Arme-Leute-Musik der 30er und 40er Jahre heute als Medizin für die stressgeplagten und medial übersättigten Menschen des 21. Jahrhunderts. Doyle Lawson hat übrigens diese Medizin in Form seiner neuen CD im Gepäck. Risiken und Nebenwirkungen sind weder bekannt noch zu erwarten. Na dann, gute Gesundheit!

Walter Fuchs

Valerie Smith „Blame It On The Bluegrass“
Bell Buckle BBR-022

Blame It On The Bluegrass/ Where The Sun Never Shines/ Slow Healing Heart/ Four Leaf Clover/ A Good Day, Lord/ No Vacancy

Dieses neueste Album von Valerie Smith ist in jeder Hinsicht etwas ganz Neues: Es offeriert nur 6 Songs, es wurde aufgenommen im Internationalen Bluegrass Music Museum in Owensboro/Kentucky und es wird auch von diesem Museum präsentiert. Warum es nur zu 6 Songs gereicht hat, ist nicht bekannt, vielleicht hat das Museum um 18.00 Uhr geschlossen und da waren eben erst 6 Titel im Kasten. Dafür kostet aber das Six-Pack-Album in den USA nur 10,- US $.
Dennoch, dieses Album hat es in sich. Der Titelsong beschreibt, wie man schon in frühen Lebensjahren der Bluegrass Music „zum Opfer“ fallen kann. Ganz grossartig die beiden Gospel-Nummern „A Good Day, Lord“ und herrlich swingend „No Vacancy“, dazu Valeries Stimme voller Emotionen und vor allem voller Soul. Nie zuvor klang ihre Stimme so fantastisch. Jeder dieser 6 Songs ist eine Kostbarkeit.
Mit dabei im Museum waren ausser Valerie Smith: Becky Buller, Fiddle, Gitarre und Gesang; Ernie Evans, Gitarre, Mandoline, Banjo, Gesang; Rebekah Long, Bass, Gesang; Ben Speer und Ehemann Kraig Smith unterstützen mit ihrem Gesang bei der Gospelnummer „No Vacancy“.
Dieses Album, so klein es auch ist, muss man haben.

Walter Fuchs

SEQ CHAPTER \h \r 1
Telefon-Interview von Friedrich Hog mit Doyle Lawson
am 17. Januar 2011

Übersetzt von Eberhard Finke 11. April 2011
01) F: Doyle, Du lebst jetzt in Bristol, Osttennessee - richtig?
A: Ja, gerade an der Grenze zu Virginia.

02) F: Bristol ist bekannt für die Aufnahmen mit der Carter Family und Jimmie Rodgers.
A: Ja, sowohl Virginia, als auch Tennessee heben hervor, dass Bristol der Geburtsort der Country Music ist dank der Aufnahmen vom Juli/August 1927 mit dem Old Blue Yodeler Jimmie Rodgers und der Carter Family, die ganz in der Nähe, 25 Meilen entfernt, wohnte. Sie waren die Superstars ihrer Zeit und das Sprungbrett für die ganze Country Music Industrie, wie wir sie heute kennen.

03) F: Ist dort jetzt ein Museum oder so etwas?
A: Es entsteht gerade ein Museum. Vor ein paar Jahren gründeten wir die Bristol Country Music Alliance. Diese fördert das Erbe und zeigt die Bedeutung dieser Gegend für die Country Music. Sie sicherten sich ein Gebäude, sind aber eine gemeinnützige Organisation. Bei den heutigen weltweit schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen wird das aber eine Zeit dauern, wir hängen von Spenden und Zuwendungen ab. Aber es wird ein sehr schönes Museum werden, das unser Erbe würdig vertritt und den Besuch wert sein wird.

04) F: Gut zu hören. Du bist nicht in Bristol geboren, erzähle uns also bitte, woher Du kommst.
A: Ich bin 25 Meilen von Bristol geboren, in der so genannten Tri-Cities-Area mit Bristol, Johnson City und Kingsport, die Städte sind nur 20 Meilen voneinander entfernt. Ich bin ein wenig außerhalb von Kingsport geboren, eine kleine Gemeinde Namens Ford Town, ungefähr 20 Meilen von meinem jetzigen Wohnort entfernt.

05) F: Hast Du also die meiste Zeit in Osttennessee gelebt?
A: Nicht ganz: Als ich ein kleiner Junge war, zogen wir nach Südostkentucky, mein Vater arbeitete dort drei Jahre lang in einem Bergwerk und ich ging dort die ersten Jahre zur Schule. Wir zogen zurück nach Kingsport, ich verließ Osttennessee, als ich 18 war. Ich war als Musiker unterwegs. Meine Schwiegermutter starb dann im August 1984 und meine Frau wollte ohnehin schon länger zurück. So hatten wir im August 1984 Grund genug, nach Bristol zu ziehen, da war ich 40 Jahre alt.

06) F: Bist Du mit Musik aufgewachsen?
A: Natürlich, es war immer Musik um mich, zuhause im Radio, oder in der Kirche. Sie war immer ein Teil meines Lebens. Ich liebte sie, auch in den Radiosendungen, die wir damals hörten. “Farm & Fun Time Show” war die Lieblingsshow mit Ralph und Carter Stanley, Mac Wiseman, den Lonesome Pine Fiddlers und vielen anderen, Curly King und so. Wenn sie in der Gegend waren machten sie gerne bei den lokalen Radiosendungen Station. Und die Grand Ole Opry haben wir in der Samstagnacht gern gehört. Nashville ist zwar 300 Meilen westlich gelegen von dort, wo ich aufgewachsen bin, aber wir hatten meistens einen guten Empfang auf 650 AM (Mittelwelle). Wir hatten noch keine FM-Frequenz (UKW).

07) F: Du hast also schon sehr früh in Deinem Leben die Grand Ole Opry gehört. Wer waren Deine besonderen Lieblinge damals in der Grand Ole Opry?
A: Das waren unbestritten Bill Monroe & The Blue Grass Boys. Weiter hörte ich gern Ernest Tubb, Roy Acuff, Eddy Arnold, Hank Snow, Hank Williams, Kitty Wells. Aber Monroe stand über allen. Ich wusste damals nicht, wer in der Band war, aber nach dem Zeitrahmen, ich bin 1944 geboren, waren das anfangs Lester Flatt, Earl Scruggs, Chubby Wise und Cedric Rainwater, später auch Jimmy Martin. Bill Monroe war anders, sein High Singing, sein Hard Driving Picking waren einzigartig. Ich fragte meine Mutter, wer da im Radio spielt, und sie sagte “Bill Monroe”. Ihm eiferte ich nach, er war der größte Einfluss, er sang mit sehr hoher Stimme und ich wollte Mandoline spielen wie er.

08) F: Monroe bedeutete Dir also viel. Hast Du ihn damals getroffen oder erst später einmal?
A: 1966 oder 1967 in Lexington, Ky., als ich dort mit J.D. Crowe arbeitete. Wir spielten damals regelmäßig, jeden Freitag- und Samstagabend, in “Martin’s Tavern”, einer kleinen Kneipe. Da kamen Studenten der Universität und Collegeboys, sie mochten Crowe und sein Banjo und die Bluegrass Musik und der Platz war immer voll. Eines Abends kam Bill Monroe mit seinen Boys dazu und für sie war kein Platz mehr im Lokal. Aber ich quetschte sie noch hinein in die kleine Bar. So konnte Bill mit seiner Band in der kleinen Bar spielen. Die Studenten liebten ihn. Das war mein erstes Zusammentreffen mit Bill. Ich war schon 1963 mit Crowe in Nashville gewesen, hatte Bill seinerzeit aber noch nicht getroffen.

09) F: Was für eine Sorte von Mensch war Monroe?
A: Bill war ruhig und reserviert, er hatte eine sehr zurückhaltende Art. Ich kannte ihn dann 30 Jahre lang und habe viel mit ihm geredet, auch mit ihm gesungen und Gitarre gespielt. Er liebte die Fuchsjagd, er liebte Pferde. Ich behandelte ihn mit Respekt und wenn ich das Gefühl hatte, er wolle nicht reden, ließ ich ihn in Ruhe. In den letzten Jahren wurde er umgänglicher und öffnete sich ein wenig. Als er noch jünger war, hatte er wohl den Eindruck, dass die anderen Bluegrasser von ihm etwas stehlen wollten. Später sah er ein, dass sie zu seiner Musik etwas hinzufügen wollten. Als er das kapiert hatte, öffnete er sich sehr.

10) F: Für Dich war es also nicht immer nur die Mandoline?
A: Zuerst war es die Mandoline, ich lernte sie mit 11 Jahren, dann traf ich Jimmy Martin, als ich 14 war. Er interessierte sich für mich und gab mir viel Tipps, das Mandolinenspiel betreffend, etwa mit dem Handgelenk zu spielen und nicht mit dem ganzen Arm. Er verriet mir so manches Geheimnis. Das war mir damals neu. Ich spielte die Mandoline dann ganz gut, fing dann auch mit der Gitarre an, beschloss aber, es mit dem Banjo zu versuchen. Damals gab es ja nicht viele Bands und somit wenig Arbeitsplätze für Mandolinisten. Wir hatten Bill Monroe, der spielte schon Mandoline, ebenso waren Jesse McReynolds oder Bobby Osborne Mandolinisten, Jimmy Martin hatte seinen Schwager Paul Williams. Reno & Smiley hatten Don’s Sohn Ronnie an der Mandoline. Mac Wiseman hielt überhaupt keine feste Band, Flatt & Scruggs und die Stanley Brothers hatten keine Mandoline - da versprach es mehr Erfolg, Banjo zu spielen. Und ich hoffte, somit einen Job bei Bill Monroe oder Jimmy Martin zu bekommen. Jimmy rief mich 1963 um Weihnachten herum an und bot mir den Banjoposten bei ihm an. Ich sollte zum Vorspielen zu ihm kommen. Am 03. Februar kam ich nach Nashville und wurde der Banjospieler für Jimmy Martin. Damit hatte alles für mich begonnen.

11) F: Also war Jimmy Martin der Grund, dass Du mit 18 nach Nashville gegangen bist?
A: Ja, absolut. Ich musste von meinem Vater Geld leihen für den Bus nach Nashville und hätte nicht zurückfahren können, glücklicherweise bekam ich den Job. Das war der Anfang meiner Profikarriere.

12) F: Das war also Deine erste Band?
A: Ja, meine erste Band als Profimusiker.
F: Hast Du vorher mit anderen Bands gespielt?
A: Ja, als Schüler, noch in der High School. Zwei meiner Vettern und ich traten vor Ort auf, wir spielten meist zu unserer eigenen Unterhaltung, machten aber auch Radioshows und waren einigermaßen populär. Manchmal waren wir zu viert oder zu fünft. Aber weil wir noch zur Schule gingen, führte das nicht weit. Drei von uns waren Cousins, so gab uns meine Mutter den Namen “The Country Cousins”, und die bestanden weiter, bis ich zu Jimmy Martin ging.

13) F: Doyle, nenne uns bitte alle Bands, in denen Du gespielt hast, möglichst mit den genauen Daten.
A: Ich will’s versuchen. Wie gesagt, zuerst waren es die Country Cousins, bis ich am 03. Februar 1963 bei Jimmy Martin & The Sunny Mountain Boys anfing. Bei ihm blieb ich sechs Monate und zog dann nach Louisville, Ky. Dort spielte ich auf lokaler Ebene in verschiedenen Bands. Viel war aber nicht los, denn wir hatten alle tagsüber unsere Arbeit. Jedoch gehörte auch der bekannte Fiddler Art Stamper, der früher bei den Stanley Brothers gearbeitet hatte, zu meinen Partnern. Dann am 01. Dezember 1966 fand ich eine Stelle als Gitarrist bei J.D. Crowe und blieb dort bis 1969; seine Band hieß damals noch “Kentucky Mountain Boys”. Zunächst spielte ich dort die Gitarre, später wechselte ich auf die Mandoline. Damals machte ich auch meine ersten Profiaufnahmen, gemeinsam mit Red Allen und Bobby Sloan. Ich ging 1969 zu Jimmy Martin als Mandolinenspieler zurück, aber nur für sechs Monate, und Anfang Januar 1970 wieder zurück zu J.D.; er brauchte mich als Gitarristen. Bis August 1971 bin ich geblieben. Am 01. September 1971 stieß ich zu den Country Gentlemen aus Washington D.C.. Mit diesen arbeitete ich bis 1979, bis ich am 01. April 1979 meine eigene Band zusammenstellte. Damals wurde ich offiziell ein Bandleader.

14) F: Gibt es einen besonderen Grund, dass du nach acht Jahren die “Gents” verlassen hast?
A: Das war eine schwere Entscheidung, Friedrich, aber ich wurde ruhelos. Ich hatte nunmehr 16 Jahre als Profi musiziert, bei Martin musste ich mich sehr anpassen, da gab es keinen Freiraum für eigene Ideen. Bei Crowe ging es großzügiger zu, er war offener für Neuerungen, aber er hatte natürlich auch seine Regeln, und ähnlich war es bei den Country Gentlemen, wo ich zum Partner aufgestiegen war. Es war sehr schön mit ihnen, ich lernte auch die anderen Seiten des Business kennen, ich wirkte bei vielen Platten mit, ich produzierte selbst LPs usw. Schließlich waren dort auch die Finanzen gesichert. Ich wollte aber die volle Kontrolle über mein Tun, wollte lieber wieder ganz unten anfangen und sehen, was wie beim Publikum ankommt - und das Meiste kam gut an. Es war wie ein Sprung ins kalte Wasser, es war anfangs eine aufregende Zeit. Und ich war inzwischen 34 Jahre alt und ich fragte mich: “Wann soll ich es wagen wenn nicht jetzt, bevor ich alt werde”. Aber es war eine sehr schwere Entscheidung, die Gentlemen zu verlassen.

15) F: Seither gibt es nun Doyle Lawson & Quicksilver. Wie kam der Name “Quicksilver” zustande und wie fandest du deine ersten Musiker?
A: Einen Namen zu finden ist nicht leicht, ich wollte weg von den gängigen Namensgebungen jener Zeit. Die meisten Bands folgten dem Muster “So-und-so und die Mountain Boys / Valley Boys / River Boys”, damals war auch “Revue” modern, “Earl Scruggs Revue” z.B. Ich wollte etwas Anderes. Ich fuhr zu meinen Eltern und sprach mit meiner Mutter. Ich sagte ihr, dass ich einen Bandnamen benötige, der einen Unterschied machte. Wir probierten ein wenig herum, sie schlug “Quicksilver” vor, das sei ein guter Name. Das steht für Dauerhaftigkeit. Ich fuhr darauf ab, der Alleinstellungscharakter des Namens gefiel mir und die damit verbundene Möglichkeit, mich bzw. meine Band damit herauszustellen. Während der vier Stunden Heimreise gefiel mir das immer besser. Als ich zuhause war, stand „Doyle Lawson & Quicksilver“ fest, und so blieb es dabei. 32 Jahre später klingt das jetzt immer noch gut.

16) F: Und „Quicksilver” ist ein richtiges Markenzeichen geworden, jeder kann es sofort erkennen und einordnen.
A: Ja, das ist richtig, es verhalf zu einer erfolgreichen Reise durch die Musik. Meine Mutter hat mir zwei Mal den Namen für meine Bands gegeben, anfangs die “Country Cousins” und jetzt für die aktuelle Band. Mit Namen scheint sie es zu haben.

17) F: Wie hast du deine ersten Musiker gefunden?
A: Natürlich hatte ich mich schon ein Jahr lang umgeschaut, als ich noch bei den Country Gentlemen war. Unsere Plattenfirma war Rebel, und die lud mich einmal ein, eine Seite einer LP einer neuen Gruppe aus North Carolina zu produzieren. Das tat ich und dabei lernte ich den Gitarristen Jimmy Haley kennen und Lou Reid, damals als Louis Pyrtle bekannt, am Banjo, und diese beiden merkte ich mir. Als es mit Quicksilver dann so weit war, rief ich Haley an und fragte, ob er interessiert sei und ob er auch einen Banjospieler bzw. Bassisten wüsste. Reid sollte dann Bass spielen, er war einer der Musiker, die alles können, Fiddle und Mandoline auch, alle Instrumente richtig gut. Und fürs Banjo schlug er Terry Baucom vor, der damals gemeinsam mit Ricky Skaggs bei Boone Creek spielte. So hatte ich mit einem Telefonanruf meine Band beisammen: Lou Reid, Jimmy Haley und Terry Baucom.

18) F: Du hast eine Menge Bluegrass Gospel Alben aufgenommen. Warum das?
A: Gospel Musik war schon immer um mich herum gewesen, mein Vater sang in einem a capella-Gospelquartett in Kirchen und bei anderen Gelegenheiten, sogar im Radio am Sonntag Nachmittag. Auch in der Familie wurde immer gesungen, meine Eltern sangen, gemeinsam mit einem Neffen meines Vaters. Als meine Mutter ausstieg, um sich mehr um mich und meinen kleinen Bruder zu kümmern, trat meine große Schwester an ihre Stelle in der Formation. Es wurde um mich herum also immer der Quartettgesang praktiziert. Es ist auch eine persönliche Sache: Als ich acht Jahre alt war, bekannte ich mich zu Jesus, der mich errettete, und die Religion bedeutet mir viel. Sie gibt mir auch in schweren Stunden Mut und Trost, wenn ich weiß, dass jemand, der größer ist als ich, mir hilft.

19) F: Was ist damals konkret passiert, als du acht warst?
A: Ich bat Jesus, in mein Leben zu kommen. Mir wurde klar, dass ich ein Sünder bin, und ich wollte gerettet werden. Die Bibel sagt, dass der Weg zu Gott nur über Jesus geht und dass dieser für unsere Erlösung gezahlt hat. Er lehrt dich, Gut und Böse zu unterscheiden. Man fragte mich, ob ich schon erlöst sei. Ich sagte nein, aber ich wolle es gern. Ich müsse mich selbst darum bemühen und Jesus bitten, in mein Leben zu kommen, sagte man mir. So ging ich zum Altar, betete, bat um Vergebung und wurde getauft. Der Glaube ist sehr, sehr, sehr wichtig für mich.

20) F: Der Glaube ist weiterhin wichtig für Dich, zumal Du viel Gospel Music aufnimmst. Verkauft sich Bluegrass-Gospel?
A: Für mich absolut. Ich verkaufe mehr Gospel als Bluegrass.

21) F: Vor längeren Jahren, als Du hier warst und bei Eberhard Finke übernachtetest, war das Verhältnis 3:1, wie Du damals berichtetest.
A: Das ist wohl immer noch richtig, ja.
F: Das ist schon erstaunlich, denn viele Künstler mixen ab und zu einen Gospeltitel in ihre Alben oder nehmen ab und zu ein Gospelalbum auf, aber nicht in dem Ausmaß.
A: Ich denke, die Leute handhaben das so, wie es ihnen richtig scheint. Ich würde niemandem reinreden und sagen, er solle sein Geschäft so oder so betreiben. Jeder tut es, wie es für ihn richtig ist, und für mich ist es so richtig. Ich habe das Glück, eigentlich zwei Märkte zu haben, einmal Southern Gospel und daneben Bluegrass, und beides funktioniert. Die Leute kaufen da und ebenso dort meine Platten, das hilft mir eine Menge.

22) F: Viele große Sänger und Musiker sind durch Deine Band und damit in deine Schule gegangen wie Russell Moore oder Jamie Dailey. Was fühlst du, wenn sie deine Band verlassen?
A: Ich wünsche ihnen das Beste. Irgendwie hassen wir alle den Wechsel, aber wenn sie gehen, haben sie ihren Zweck erfüllt und suchen neue Aufgaben; das ist so. Wir müssen uns erinnern: Musik muss immer wachsen, die einzige Alternative hierzu wäre, dass sie stirbt. So muss es immer neue Musiker geben, die die Musik weiterführen und den Platz der Vorgänger einnehmen. So muss es auch neue Bands geben, die die Musik weiterführen. Anfangs hatten wir Bill Monroe, Lester & Earl haben ihn verlassen und Mac Wiseman trat in die Band ein. Es gab Ralph & Carter Stanley, und sie spielten alle dieselbe Musik in ihrer persönlichen Ausrichtung. Es ist notwendig, dass die Leute kommen und wieder weiterziehen. Es ist nicht so, dass ich sie nicht gerne halten würde, aber ich bin keinem böse, wenn er geht. Das ist der Lauf der Welt. Sie sollen verfolgen, was ihnen vorschwebt, ich versuche, meine Musik weiterzuentwickeln, ohne Zurückzuschauen, mit den besten Musikern, die ich bekommen kann. Global gesprochen wächst auf diese Weise die Musik. Als ich 34 Jahre alt war, war ich ja auch in der Position zu gehen und etwas Neues zu starten. Daher verstehe ich jeden, der sagt, er muss jetzt etwas Anderes machen.

23) F: Wer von deinen früheren Bandmitgliedern hat das Meiste aus deiner Lehre gemacht?
A: Man kann nicht sagen, wer der Beste ist, das ist eine persönliche Einschätzung. Ich hatte immer hervorragende Musiker, auch wenn es mal eine kleine Schwäche gab. Russell Moore ist Russell Moore, seine Musik und sein Ruf sprechen für sich selbst. Das gilt auch für Steve Gulley, Lou Reid, Terry Baucom, Scott Vestal, Jim Mills, da ist eine lange Liste von hervorragenden Musikern, ich kann da keinen herausheben. Mir obliegt es nicht zu sagen, jener sei besser als einer der anderen, da dies den anderen gegenüber unfair wäre.

24) F: Jamie Dailey hat einige Preise zu Doyle Lawson & Quicksilver gebracht und Dailey & Vincent erhalten nun viele Awards seit drei Jahren. Hörst du viel von Dailey & Vincent?
A: Nein, ehrlich nicht. Ich habe so viel zu tun, ich betreibe mit meiner Formation ein Geschäft in Vollzeit, das lässt mir kaum Zeit, andere Bands anzuhören. Ich habe viele, viele Preise gewonnen, ehe Jamie Dailey der Band beitrat und wir können weiterhin Preise gewinnen. Das liegt nicht nur an einer Person. Mein Part ist es, die Musiker individuell zu fördern, aber die Band insgesamt bekommt die Preise, nicht die einzelnen Künstler.

25) F: Weißt du noch, wieviele Musiker du insgesamt in deiner Band hattest?
A: 35 ungefähr, so genau weiß ich das nicht. Es interessiert mich auch nicht sonderlich, ich bin genug damit beschäftigt, meine aktuelle Band vorwärts zu bringen. Da zähle ich nicht die früheren Musiker.

26) F: Terry Baucom ist ein Musiker, der zu dir zurückgekommen sind. Gibt es noch mehr solche?
A: Ich kann mich nur an zwei andere erinnern, Mike Hartgrove und Dale Perry. Dale war neuneinhalb Jahre bei mir gewesen, dann war er sechs Jahre weg, seit gut einem Jahr ist er wieder zurück. Ein paar mehr wollten zu mir zurück, aber ich hatte gerade keinen Platz für sie. Als Mike bzw. Dale zurückkamen, brauchte ich eben einen Geiger bzw. Banjoisten und Bass-Sänger, ich werfe ja niemanden aus der Band, um jemanden die Rückkehr zu ermöglichen. Ich verwehre umgekehrt auch niemandem aus Prinzip den Weg zu mir zurück.

27) F: Wie findest du alle die vielen jungen Musiker, immer neue und immer bessere. Auch die Band wurde ja größer, jetzt ist sie ein Sextett.
A: Ich schreibe mir alle Leute auf, die mir auf Festivals usw. auffallen, um sie bei Bedarf zu kontaktieren. Aber nicht alle sind dann aus den verschiedensten Gründen bereit, mit mir zu gehen. Umgekehrt bewerben sich Leute bei mir, vor allem, wenn sie hören, dass ein Platz frei wird. Und natürlich höre ich mich überall um, was es so gibt. Die Vestal-Brüder, Scott und Curtis, sowie Russell Moore z.B. hörte ich in Texas, als sie das Vorprogramm für mich stellten, und ich war so beeindruckt, wie jung sie waren und wie gründlich sie meine Musik studiert hatten, dass ich sie bei nächster Gelegenheit zu mir holte. Das war gerade mal ein Jahr später. Lustig, gell?

28) F: Eben diese drei waren mit dir, als du 1985 in Tübingen aufgetreten bist. Da habe ich dich zum ersten Mal gesehen.
A: Ja. Sie waren damals ganz neu bei mir.
F: Aber es war ein perfektes Konzert.
A: Gut, wir hatten fleißig geprobt und sie waren sehr engagiert.

29) F: Kannst du mir alle Bands nennen, wo deine früheren Musiker jetzt spielen?
A: Oh nein, das kann ich mir nicht merken (lacht), dafür sind es zu viele, und manche haben inzwischen in mehreren Bands gespielt. Lou Reid z.B. hat eine eigene Band und ist zusätzlich noch bei der Seldom Scene, und Dailey & Vincent sind immer noch beisammen.

30) F: Dein neuestes Album enthält wieder Gospelsongs. Kannst du uns den Titel nennen und einige Einzelstücke, gar deine besonderen Lieblinge?
A: Es heißt “Light on the feet and ready to fly”, einzelne hervorzuhebende Stücke heißen “He will remember me”, “I’ll live for him ‘cause he died for me” und “Mighty hard road” von Carl Story. Allgemein aber, um Dir, Friedrich, meine Philosophie beim Aufnehmen zu verraten: Ich nehme nur Stücke auf, die ich mag, nicht irgendetwas, nur um die CD zu füllen. Jedes Lied, das ich aufnehme hat seine Berechtigung, wenn es sich nicht vollkommen gut für mich bzw. die Band anfühlt, machen wir es nicht. Insofern fällt es mir schwer, einzelne Favoriten herauszupicken. Sie sind mir alle gleich lieb.

31) F: Du durchsuchst alte Liederbücher nach brauchbaren Liedern. Woran erkennst du diese? Welche anderen Quellen verwendest du?
A: Ich suche halt in den Archiven nach alten, obskuren Liedern, die kaum einer kennt. Wenn es nötig ist, bastele ich ein wenig an ihnen herum, bis sie mir am besten in mein Konzept passen. Ich höre es einfach und sage dann “Das wird ein guter Song für mich” und arrangiere ihn bis zur Aufnahmereife. Daneben habe ich Songschreiber, die ich favorisiere, entweder für Bluegrass- oder für Gospelmaterial, und ich gebe neue Lieder in Auftrag. Corey Hensley aus meiner Band schrieb “Light on the feet and ready to fly”. Mike Rogers ist ein großer Songschreiber. Er kam im August 2010 als Gitarrist zu mir von einer Karriere als Schlagzeuger beim Countrymusiker Craig Morgan, bei dem er achteinhalb Jahre war. Aber er ist mit Bluegrass aufgewachsen und kehrte jetzt zu ihm zurück. Er, Corey und ich arbeiten gemeinsam am Schreiben neuer Lieder.

32) F: Du kamst in den frühen 80er Jahren mit deiner ursprünglichen Band nach Europa. Warum bist du gekommen?
A: Ich wollte einfach nach Europa. Ich war schon in Nordafrika gewesen und im Nahen Osten, sogar in Japan 1972 und 1975. Ich wollte reisen und etwas Neues sehen in Europa, wo ich zuvor noch nicht war. Jimmy Haley, Randy Graham und Terry Baucom gehörten, glaube ich, damals zur Band. Nach Schottland und England ging ich später, Deutschland, Italien Frankreich, die Niederlande, die Schweiz, all das hatte ich zuvor noch nie gesehen. Und ich hoffte, die Leute mögen meine Musik und werden zu Fans.

33) F: Und wie waren die Reaktionen deiner Hörer, deiner Fans auf deiner ersten Tournee?
A: Wir genossen es. In den USA sind die Entfernungen so groß, man fährt endlos von einem Ziel zum anderen. Von Küste zu Küste braucht es zwei Tage strammen Fahrens, wenn man nicht fliegt. Hier liegt alles nahe beieinander und wir konnten viel sehen, die Schweizer Alpen und den Schwarzwald in Deutschland, wo es sehr schön war. Das hat mir viel Spaß gemacht, auch zu sehen, wie die Menschen hier leben und sie und die Landschaften zu vergleichen mit jenen in den Appalachen, wo ich zuhause bin.

34) F: Hat Europa sich geändert seit jenen Jahren?
A: Ja, es hat sich geändert, ich war 1996 zum letzten Mal auf Tour durch Europa. Seither ist der Euro eingeführt worden, der das Reisen wesentlich vereinfacht. Auch der Wegfall der Grenzkontrollen mit Ausnahme der Schweiz kommt uns sehr entgegen. Seit 1996 hat sich sicher noch mehr geändert, das können aber die Leute besser beurteilen, die dort leben, als ich das von hier aus könnte.

35) F: Wie sehr hat sich Bluegrass seit damals geändert?
A: Der hat sich sehr geändert. Die Technik hat sich geändert, meistens zum Besseren. Platten werden mit besseren Maschinen aufgenommen, die PA-Systeme sind besser. Plattenaufnahmen und Liveauftritte werden mit mehr Sorgfalt durchgeführt. Ich nehme jetzt eine eigene Verstärkeranlage und einen eigenen Techniker mit auf Reisen, das hat es früher nicht gegeben, da hast Du jeden Abend mit einem anderen Techniker vor Ort gearbeitet, von dem Du nie wusstest, wie er Dich letztlich abmischt. Auch die Auftrittsmöglichkeiten haben sich gebessert: In den früheren Tagen spielten wir in kleinen Clubs und Kneipen, heute sind die Plätze schöner und größer. Früher haben wir fünf oder sechs Mal in der Woche in kleinen Clubs gespielt, um zu überleben. Das gibt es heute kaum noch, es ging auch ganz schön an die Substanz. So wie es heute läuft, gefällt es mir besser.

36) F: Was war der größte Moment auf der Bühne in deiner langen Karriere?
A: Oh, es gab so viele davon, aber wenn ich nachdenke, der größte Moment oder einer der größten war, als ich zum ersten Mal in der Grand Ole Opry, im alten Ryman Auditorium auftrat. Das war etwas ganz Besonderes, schließlich war ich mit den Sendungen der Grand Ole Opry aufgewachsen. 1974 wurde das neue Opry House eingeweiht, aber im Ryman Auditorium findet jetzt wieder oft in der Zeit von Oktober bis Februar die Grand Ole Opry statt. Auch die Begegnung mit dem neulich verstorbenen Senator Robert Byrd, der ordentlich Old Time Geige spielte, im Capitol in Washington, D.C. war ein besonderes Erlebnis. Wir nahmen in seinem Büro sogar auf, er an der Fiddle, ich spielte Gitarre. Es gab einen großen politischen Empfang für die Demokratische Partei, wo wir unterstützend spielten, wo viele berühmte Leuten waren, der Präsident, Hollywood-Schauspieler, oder Muhammed Ali, einer der größten Boxer der amerikanischen Geschichte, er war auch anwesend. 2006 bekam ich ein Ehren-Diplom vom King College in Bristol. Ich könnte viel erzählen, ich war in 47 verschiedenen Ländern und allen 50 US-Bundesstaaten, wir haben gar nicht die Zeit, um alles zu streifen, das sehr bedeutungsvoll für mich war.

37) F: Doyle, du trittst im Mai beim Bluegrassfestival in Bühl/Baden auf. Was erwartest du von deinem Auftritt, was können wir von dir erwarten?
A: Ich erwarte eine große Menge an Besuchern. Die können umgekehrt eine top-professionelle Band “Doyle Lawson & Quicksilver” erwarten, die sich alle Mühe gibt, den Hörern zu gefallen, und hoffentlich etwas bringt, was den Leuten gefällt. Ich bin sehr stolz auf meine aktuelle Band, insgesamt ist sie eine der stärkeren, die ich in den letzten Jahren hatte, eine, wo alles zusammenpasst.

38) F: Was ist deine Botschaft an deine Fans in Deutschland?
A: Mein Wunsch ist es, herüberzukommen und Leute zu begrüßen, für sie zu spielen, Autogramme zu geben, Fotos zu machen usw. Ich war lange nicht mehr in Deutschland, dabei ist es eines meiner Lieblingsreiseländer. Meine Jungs sind sehr aufgeregt, dort spielen zu können, sie freuen sich schon mächtig. Wir werden eine gute Zeit mit den Fans in Deutschland verbringen.

39) F: Ich und alle Hörer und Leser warten darauf, dich und deine Band in Bühl zu sehen. Aber erzähle bitte noch etwas über deine nächsten Pläne.
40) A: Nach dem Europatrip werden wir im August eine Kreuzfahrt nach Alaska unternehmen, vorher werden wir die nächste CD vollenden. Allgemein will ich eine gute Band zusammenhalten, auf Tournee gehen, hart arbeiten. Ich liebe die Musik noch immer wie ich sie immer geliebt habe. Einfach weitermachen!

41) F: Großartig, danke, Doyle, für deine Zeit und das Interview und alles, was du uns hast wissen lassen. Gute Reise und pass auf dich auf!
A: Danke Friedrich. Wir sehen uns in Bühl im Mai, lass alle wissen, dass wir da sein werden!

42) F: Ich freue mich auf Euch, Doyle, wir sehen uns in Bühl und ich bin sicher, es wird Euch dort gefallen.
A: Danke Friedrich, wir sehen uns dort, bye bye.

V.A. „The Bristol Sessions 1927 – 1928“ Bear Family
The Big Bang Of Country Music BCD 16094 EK

Ernest V. Stoneman-E.Kahle Brewer-Walter Mooney: Dying Girl’s Farewell/ Tell Mother I Will Meet Her/ Ernest V. Stoneman-Miss Irma Frost-Uncle Eck Dunford: Mountaineers Courtship/ Ernest V. Stoneman-Miss Irma Frost: Midnight On The Stormy Deep/ Ernest V. Stoneman & His Dixie Mountaineers: Sweeping Through The Gates/I Know My Name Is There/ Are You Washed In The Blood?/ No More Good-Byes/ The Resurrection (Take 1)/ The Resurrection (Take 2)/ I Am Resolved (Take 1)/ I Am Resolved (Take 2)/ Ernest Phipps & His Holiness Quartet: I Want To Go Where Jesus Is/ Do, Lord, Remember Me/ Old Ship Of Zion/ Jesus Getting Us Ready For The Great Day/ Happy In Prison/ Don’t Grieve After Me/ Uncle Eck Dunford-Hattie Stoenman: What Will I Do, For My Money’s All Gone/ Uncle Eck Dunford: The Whip-poor-will’s Song/ Skip To Ma Lou, My Darling/ Uncle Eck Dunford-Ernest Stoneman: Barney McCoy/ Blue Ridge Corn Shuckers: Old Time Corn Shuckin’ Part 1/ Old Time Corn Shuckin’ Part 2

Johnson Brothers: The Jealous Sweetheart (Take 1)/ The Jealous Sweetheart (Take 2)/ A Passing Policeman/ Just A Message From Carolina/ Blind Alfred Reed: The Wreck Of The Virginian (Take 1)/ The Wreck Of The Virginian (Take 2)/ I Mean To Live For Jesus/ You Must Unload/ Walking In The Way With Jesus (Take 1)/ Walking In The Way With Jesus (Take 2)/ Johnson Brothers With Tennessee Wildcats: Two Brothers Are We/ The Soldier’s Poor Little Boy/ Johnson Brothers: I Want To See My Mother/ El Watson: Pot Licker Blues/ Narrow Gauge Blues/ B.F.Shelton: Cold Penitentiary Blues/ Oh Molly Dear/ Pretty Polly/ Darling Cora/ Alfred G. Karnes: Called To The Foreign Field/ I Am Bound For The Promised Land/ Where We’ll Never Grow Old/ When They Ring The Golden Bells/ To The Work/ J.P.Nester: Train On The Island/ Black-Eyed Susie/ Bull Mountain Moonshiners: Johnny Goodwin

The Carter Family: Bury Me Under The Weeping Willow/ Little Log Cabin By The Sea/ The Poor Orphan Child/ The Storms Are On The Ocean/ Single Girl, Married Girl/ The Wandering Boy/ Alcoa Quartet: Remember Me, O Mighty One/ I’m Redeemed/ Henry Whitter: Henry Whitter’s Fox Chase/ Rain Crow Bill/ The Shelor Family: Big Bend Gal/ Suzanna Gal/ Sandy River Belle (Take 1)/ Sandy River Belle (Take 2)/ Billy Grimes, The Rover/ Mr. & Mrs. J.W. Baker: The Newmarket Wreck/ On The Banks Of The Sunny Tennessee/ Jimmie Rodgers: The Soldier’s Sweetheart/ Sleep Baby Sleep/ Tenneva Ramblers: The Longest Train I Ever Saw/ Sweet Heaven When I Die/ Miss ‘Liza, Poor Gal/ West Virginia Coon Hunters: Greasy String/ Your Blue Eyes Run Me Crazy/ Tennessee Mountaineers: Standing On The Promises/ At The River

“Es war der wichtigste Moment in der Geschichte der Country Music”. Dies hat Johnny Cash einst über die längst legendären Aufnahmesessions von Bristol aus dem Jahre 1927 gesagt. Dabei waren die „Field-Recordings“ von Bristol keineswegs die ersten Aufnahmen in deren Mittelpunkt die ländliche Volksmusik des amerikanischen Südens stand. Was war also das Besondere an jenen Sessions vom 25. Juli bis 5. August 1927 in der Kleinstadt Bristol, durch deren Mitte sich die Staatsgrenze von Virginia und Tennessee zieht? Zur Erklärung sei ein kleiner Rückblick erlaubt.
Sieht man einmal von den ersten Aufnahmen des Vaughan Quartet, einem Gospel Quartett, aus dem Jahre 1921 ab, so kam die erste offizielle Aufnahmesitzung mit ländlicher Südstaatenmusik im Juni 1922 nur deshalb zustande, weil die beiden Old-Time-Fiddler Eck Robertson und Henry Gilliland nach New York City gereist waren. In den Büros der Victor Talking Machine Company waren sie mit der dringenden Bitte vorstellig geworden, Schallplatten einzuspielen zu dürfen. Um die beiden schnell wieder loszuwerden, wurden 4 Stücke aufgenommen, 2 davon wurden veröffentlicht, darunter „Arkansas Traveler“.
Nach diesem zögerlichen Anfang und nachdem die amerikanische Schallplattenindustrie bereits Jahre früher mit dem Jazz und dem Blues beste Erfahrungen gemacht hatte, galt plötzlich die Volksmusik der Weissen nicht mehr als absolut unverkäuflich. Als dann auch der Textilarbeiter und Sänger Henry Whitter 1923 in New York City bei Okeh ein paar Songs eingespielt hatte, schien das Eis gebrochen zu sein. Ländliche Musiker reisten in die Studios nach Norden, vor allem nach New York City.
Doch die Plattenfirmen wollten endlich wissen, was wirklich tief im Süden bei den Weissen auf dem Land musikalisch los war und schickten sogenannte „Talent Scouts“ mit ihren transportablen Studioeinrichtungen aufs Land. Mit Hilfe von Zeitungsannoncen lud man interessierte Musiker und ganze Bands zu den Sessions ein, die oft in Hotels oder Schulhäusern abgehalten wurden. Die Musik an der man interessiert war, hiess damals noch „Old Familiar Tunes“, „Old Time Songs“ oder „Songs From Dixie“.
Unter den Aufnahmepionieren, die vor Ort die Musik des Südens festhielten, um sie zu vermarkten, hatte sich bereits ab 1923 ein gewisser Ralph S. Peer hervorgetan, der damals noch für Okeh arbeitete und in Atlanta/Georgia die ersten Aufnahmen von Fiddlin’ John Carson leitete. Peer hatte ein ganz besonderes Gespür für Authentizität und die Chancen der Vermarktung, schliesslich wollten die Plattenfirmen ihre Produkte auch möglichst gut verkaufen. So wechselte Ralph Peer 1926 von Okeh zu Victor als freier Produzent und Talent Scout für neue Künstler und neues Songmaterial. Schon im Februar und März 1927 initiierte er Recordingsessions in Atlanta, Memphis und New Orleans. Doch besonders angetan hatte es ihm eine Gegend, die ihm besonders reich an authentischer Southern Music schien, es war die Kleinstadt Bristol im Mittelpunkt diverser Kulturzentren der Appalachen.
Zwei Wochen, vom 25. Juli bis zum 5. August 1927 hatte Peer für die Sessions eingeplant. Reserviert waren dafür 2 Stockwerke im Haus 408 State Street auf der Tennessee Seite benutzt von der Taylor-Christian Hat Company. 10 Gruppen hatte Peer bereits vor der Session persönlich eingeladen, Gruppen, die schon Platten produziert hatten wie z.B. Ernest Stoneman mit seinen diversen Familienmitgliedern oder Bands, die ihm von einem lokalen Schallplattenhändler empfohlen wurden, etwa die Carter Family aus der Nähe von Maces Spring/Virginia. Dann kam noch die Empfehlung eines Zeitungsjournalisten, der Peer überzeugen konnte, doch in der Lokalpresse eine Einladung an Musiker zu platzieren, um sich für die Sessions zu bewerben. Der Erfolg war riesig, die Bewerbungen konnten kaum alle bearbeitet werden. Unter diesen Bewerbern war auch ein Quartett, die „Jimmie Rodgers Entertainers“ mit ihrem Leadsänger Jimmie Rodgers.
Für die Carter Family mit A.P., Sara und Maybelle Carter lief am 1. und 2. August, als sie ihre insgesamt 6 Aufnahmen für Peer einspielten, alles glatt und unkompliziert. Im Vergleich zu ihren Mitbewerbern klang die Musik der Carters einerseits absolut authentisch, andererseits aber auch schon mit einer gewissen Eleganz behaftet. Der Sound war weniger holzschnittartig und ließ durch eine besondere Spielweise aufhorchen. Es waren wahrscheinlich die später so genannten „Carter Licks“, die Ralph Peer mit Sicherheit sofort registriert hatte, denn Maybelle Carter spielte ihre Gitarre sehr unkonventionell, Rhythmus auf den hohen Saiten, die Melodie auf den tiefen.
Schlimm dagegen erging es Jimmie Rodgers, der zusammen mit seiner Band, den „Jimmie Rodgers Entertainers“, sich bei Ralph Peer bewerben wollte. Bei der Frage, was für ein Name auf den Schallplatten stehen sollte, soll Rodgers mit seinen Kollegen, den Brüdern Claude und Jack Grant sowie dem Fiddler Jack Pierce so in Streit geraten sein, dass sich die drei Musiker ohne Rodgers bei Peer unter dem Namen „Tenneva Ramblers“ bewarben. Wer von den beiden Parteien jedoch als erster „solo“ bei Ralph Peer vorgesprochen hat, bleibt umstritten. Der Zeitplan spricht für Rodgers, denn er nahm seine beiden Songs „Sleep, Baby, Sleep“ und „Soldier’s Sweetheart“ am 4. August zwischen 14.00 und 16.20 Uhr auf und begleitete seinen Gesang nur auf seiner Gitarre. Die Tenneva Ramblers dagegen, die Rodgers kurzfristig durch den Banjospieler Claude Slagle ersetzt hatten, spielten ihre drei Stücke am selben Tag erst am Abend zwischen 20.00 und 23.00 Uhr ein. Carrie Rodgers, die Witwe von Jimmie, schildert die Affaire in ihren Memoiren dagegen etwas anders. Jimmie sei furchtbar enttäuscht ins Hotel zurückgekommen und habe ihr berichtet, die Jungs von der Band hätten sich ohne ihn bei Peer zur Audition angemeldet. Sie, Carrie Rodgers, habe dann ihren Mann bestärkt, sich einfach als Solosänger mit Gitarre anzumelden und ja nicht seine ureigenste Kreation, den „Blue Yodel“, zu vergessen. Rodgers meldete sich daraufhin an und wurde akzeptiert für 2 Stücke. Doch er ging offensichtlich auf Sicherheit. Er sang statt des außergewöhnlichen „Blue Yodel“ zwei sentimentale Nummern, ein Wiegenlied und eine Soldatenballade, also nichts besonderes. Diese beiden Titel haben sich dann auch später sehr schlecht verkauft. Doch Ralph Peer oder „Mister Victor“, wie er oft genannt wurde, hatte das Potential von Jimmie Rodgers rasch erkannt und ihn nach der Session auf der Stelle für November 1927 ins Victor Studio nach Camden/New Jersey eingeladen, um 4 weitere Titel aufzunehmen, darunter den „Blue Yodel“ (T For Texas), der zu einem der frühen Millionseller der Hillbilly Musik werden sollte. Mit dem 1928 aufgenommenen „Brakeman’s Blues“ folgte für Rodgers sogar der zweite Millionenverkauf. Jimmie Rodgers hatte es also trotz aller Widrigkeiten zum Superstar geschafft mit über 100 Plattenaufnahmen bis zu seinem tragischen Tod im Mai 1933. Wohl aufgrund seiner schlechten Erfahrung mit seiner ersten Band hat er auch nie mehr eine eigene Band gegründet. Wenn er sich nicht gerade selbst auf der Gitarre begleitete, heuerte seine Plattenfirma einfach eine x-beliebige Dixieland- , Jug- oder Hawaiianband für die Session an. Einmal wurde sogar Louis Armstrong und dessen Ehefrau Lil engagiert, die gerade in L.A. in einem Studio nebenan Platten einspielten. Gleichgültig wer nun gerade Jimmie Rodgers begleitete, es blieb immer Rodgers ureigenste Musik. Peer hatte in Bristol mit Rodgers auf das richtige Pferd gesetzt, während dessen erste Band, die „Jimmie Rodgers Entertainers“ bezw. die „Tenneva Ramblers“ rasch in Vergessenheit gerieten.
Aber auch die Carter Family sollte sehr bald riesige Erfolge verbuchen. Ralph Peer hatte die Gruppe im Mai 1928 ins Victor Studio nach Camden eingeladen, um weitere Titel einzuspielen, darunter auch den späteren Superhit „Wildwood Flower“, der zum Millionseller werden sollte.
Die kommerziellen Erfolge die Jimmie Rodgers und die Carter Family nach den denkwürdigen Bristol Sessions feierten, bewiesen der amerikanischen Schallplattenindustrie endgültig, dass mit der Hillbilly Musik viel Geld zu verdienen war. Schon zu Lebzeiten von Rodgers ließen sich weitere Sänger des Genres von seinen Blue Yodels inspirieren, zum Beispiel Gene Autry, Cliff Carlisle, Jimmie Davis oder Hank Snow. Ja, es gab in den 30er und 40er Jahren einen regelrechten Blue Yodel Kult. Die Blue Yodels mit ihren 12 Bluestakten und den darauf folgenden 4 Jodel-Takten ergaben interessanterweise wieder die klassische europäische Liedform mit insgesamt 16 Takten. Jimmie Rodgers wurde beispielhaft für die gesamte künftige Country Music Szene, und sogar Bob Dylan ließ sich später noch von Jimmie Rodgers beeinflussen, den man rasch als „America’s Blue Yodeler“, „The Singing Brakeman“ oder „The Father Of Country Music“ apostrophierte. 1961 wurde Jimmie Rodgers als erster in die Country Music Hall Of Fame aufgenommen und die amerikanische Postverwaltung widmete ihm Jahrzehnte später eine 13 Cent Briefmarke.


Ähnliches lässt sich über die Carter Family berichten. Es gibt kaum eine andere Gruppe der 20er, 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts, die so viel klassisches, ländliches Tongut gesammelt, neues komponiert und dies schließlich mit so viel Erfolg auch verkauft hat. Kein geringerer als Woody Guthrie ließ sich von den Kompositionen der Carter Family und von Maybelle’s Gitarrenstil inspirieren. Andere und ähnliche Familienformationen wie etwa die Phipps Family kamen nie an die Popularität der Carter Family heran. 1970 wurden die Carters, A.P., Sara und Maybelle Carter, dann verdientermaßen ebenfalls in die Country Music Hall Of Fame aufgenommen.
Zweifellos war der kommerzielle Erfolg und die Popularität von Jimmie Rodgers und der Carter Family ein wichtiger Impuls für die weitere Entwicklung der Hillbilly Musik bezw. der Country Music, wie man sie später auch nannte.
Doch es gibt noch einen weiteren Aspekt, der von diesen beiden extrem gegensätzlichen Acts wie Jimmie Rodgers und Carter Family so signifikant repräsentiert wurde. Rodgers war der Prototyp jenes Künstlers, der unabhängig von einer eigenen Band seinen Weg gehen konnte. Er verkörperte jenen Star, der mit jeder beliebigen Gruppe oder auch mit irgendwelchen Studiomusikern erfolgreich sein konnte. Er war ein Typ für die Hitparaden. Jimmie Rodgers war im Gegensatz zur Carter Family offen für populäre Töne und Themen seiner Zeit und sang auch genau so wie seine afro-amerikanischen Blues-Kollegen über sexuelle Zweideutigkeiten. Jimmie Rodgers drückte dem späteren Mainstream der Country Music seinen Stempel auf.
Die Carter Family dagegen war ein musikalisches Kollektiv, eine Familienband, bei der die einzelnen Musiker nicht so einfach ausgetauscht werden konnten, ohne den Gesamtsound nicht empfindlich zu stören. Es gab keinen ausgeprägten Leadsänger, mal sang der ein Solo, dann wieder der andere oder man sang zusammen mehrstimmig. Dies war damals in den 20er und 30er Jahren das Schema vieler Bands, die sich der Folklore der Appalachen, den alten überlieferten Songs und Themen, verschrieben hatten. Bei den Carters kam obendrein noch dazu, dass sie stark religiös geprägt waren und sich nur der moralisch sauberen Musik verpflichtet fühlten nach dem Motto: „Our program is morally good“.
Wer das Gemeinsame wie auch das extrem Gegensätzlich von Jimmie Rodgers und der Carter Family verinnerlicht hat, der wird verstehen, dass sich später ein Elvis Presley leicht auf einen Hank Williams oder Jimmie Rodgers berufen konnte, während die Bluegrassmusiker ihre Wurzeln mehrheitlich in der Musik der Carter Family finden, angefangen vom kollektiven Musizieren, den traditionellen Themen bis hin zur jazzmäßigen Improvisation. Noch heute muß der Leadsänger einer Bluegrass Band nicht unbedingt auch der Chef der Gruppe sein, der Chef ist meist auch der „Primus inter pares“. Jimmie Rodgers wie auch die Carter Family waren somit stil- und formprägend.
Soviel zum Verständnis der geschichtlichen Bedeutsamkeit der Bristol Sessions, in deren erstem Teil 1927 zwei Acts entdeckt wurden, die nationalen und internationalen Ruhm erlangten „Jimmie Rodgers“ und die „Carter Family“, während man beim zweiten Teil 1928 keine Trendsetter und keine Musiker mit Star-Potential mehr entdecken konnte.
Daß nun ausgerechnet nach fast 84 Jahren die gesamten Bristol Sessions, auch jene, die 1928 noch nachgeschoben wurden, zum ersten Male in ihrer Gesamtheit mit allen noch vorhandenen Takes und Daten auf 5 CDs in einer Box mit einem traumhaft gestalteten Buch veröffentlicht werden, verdanken wir Richard Weize und Bear Family Records. Das 120-seitige gebundene Begleitbuch-Buch in LP-Format präsentiert die Geschichte der Bristol Sessions mit historischen Fotos der Stadt sowie den damaligen Akteuren, angefangen bei Jimmie Rodgers und der Carter Family bis hin zu so obskuren Gruppen wie den Carolina Twins, dem Alcoa Quartet, der Shelor Family oder den West Virginia Coon Hunters. Es gibt ausführliche Infos zu allen Künstlern und Bands, alle Songtexte werden präsentiert und natürlich werden die Diskografien mitgeliefert zusammen mit den Label-Fotos der alten Original-Schellack-Platten und den Reproduktionen der Original-Aufnahme-Dateikarten.
Musikalisch wird auf den 5 CDs alles geboten, was in jener Zeit so auf den Verandas der Privathäuser, den Kneipen, den Kirchen und den Schulen der Region passierte. Es ist unverfälschte Rootsmusik im wahrsten Sinne des Wortes, dargeboten von Balladensängern, Stringbands, Gospelquartetts und Mundharmonikavirtuosen, die repräsentativ waren für die weiße volksmusikalische Szene des Südostens der USA. Denkt man an das Alter der Aufnahmen und die damalige relativ einfache Aufnahmetechnik, dann ist Bear Family wieder einmal mehr eine Glanzleistung bei der Bearbeitung dieser alten Musik gelungen.
Wer nicht nur am schnelllebigen Hitparadengeschehen interessiert ist, sondern auch wissen will, wie die weiße Volksmusik der Südstaaten einst geklungen hat, der muß diese CD-Box, diese Ikone der Musikgeschichte, besitzen.

Walter Fuchs

Wiley J. Smith „Walkin’ In Big Tracks“
Little Mountain LMR 1014

Where It All Began/ Headin’ Home/ Yard Sale Sally/ Soldier Will You Marry Me/ Cloggin’ Fever/ I’ve Loved You All Over/ Walkin’ In Big Tracks/ I’m The Man In Bluegrass Music/ She Had Her Thong On Wrong/ High Test Grass

Wer diesen Sänger Wiley J. Smith nicht kennt, der muß sich deshalb nicht entschuldigen, denn kaum einem Bluegrass Spezialisten dürfte dieser Name bekannt sein. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel, denn wer sich auch um die Komponisten guter Songs kümmert, der mag bei Carl Smith „Mama Bear“ fündig werden oder im Repertoire von Loretta Lynn, Conway Twitty oder Doyle Lawson, überall stößt man auf den Namen von Wiley J. Smith.
Wiley J. Smith, der vielseitig begabte Sohn der Oldtime-Banjo-Legende Hobart Smith, ist nicht nur ein begnadeter Songwriter, nein, er spielt auch Gitarre und verfügt über eine fantastische Stimme. Als der Plattenproduzent Gregg Hutchins dies erkannte, machte er ihm den Vorschlag, zurück zu seinen Wurzeln zu finden und ein paar seiner wunderschönen Songs akustisch begleiten zu lassen im Oldtime- und Bluegrass-Stil. Smith war bereit und wünschte sich dazu nur, ein paar der besten Instrumentalisten des Genres und ein paar gute Back-Up-Sänger. Gesagt, getan, mit ins Studio kamen so berühmte Namen wie Rob Ickes, Bryan Sutton, Bobby Hicks, Aubrey Haynie, Scott Vestal, Tim Crouch und viele andere. Gesanglich unterstützt wurde er von Stella Parton und Mac Wiseman, die besten Voraussetzungen also für ein großartiges Werk. Doch das grösste sind die Songs in Verbindung mit Smith’s ausdrucksstarker Stimme, die sich beim besten Willen nicht beschreiben lässt.
Allein der Song „Where It All Began“ ist das Geld für diese neue CD wert. Er beschreibt jene erste legendäre Aufnahmesessions im Jahre 1927 in Bristol/Tennessee, als Jimmie Rodgers und die Carter Family entdeckt wurden. Aber auch Titel wie „Headin’ Home“, „I’m The Man In Bluegrass Music“ oder “Walkin’ In Big Tracks”, den er seinem berühmten Vater gewidmet hat, wird man ein Leben lang nicht vergessen.
Wiley J. Smith stammt aus Saltville/Virginia und lebt heute in Bristol/Virginia, also auf der anderen Seite der Statestreet, welche Bristol/Virginia von Bristol/Tennessee trennt. Das merkwürdige an diesem Album: Es wurde bereits vor ein paar Jahren in Hendersonville/Tennessee aufgenommen, aber erst jetzt veröffentlicht, doch „better late than never“. Diese CD ist ein Muss, das Coverfoto zeigt Wiley J. Smith im Alter von 8 Jahren zusammen mit Papa Hobart Smith.

Walter Fuchs

Thomm Jutz „Work“
TJ 2010

I Feel Like A Train/ You Are With Me/ Old/ Nobody Wants To Say Goodbye/ Work/ Blue, Blue Highway/ The Train Came Back/ Southland/ The Rhythm Of The River/ When It Rains In the South/ Good People/ Jimmie Rodgers Rode A Train/ Walk In the Mud/ There It Is/ Walking In A Circle

Als Thomm Jutz kürzlich seine badische Heimat, sprich seine Heimatstadt Bühl, wieder einmal besuchte und für seine vielen Fans ein Konzert gab, da wurde er gefeiert wie ein Superstar. Jutz hatte eigens für diesen Auftritt zwei Musiker aus Nashville mitgebracht und was er da in circa zwei Stunden vorführte, das gewährte einen kleinen Einblick in das Leben dieses aussergewöhnlichen Talents. Im Mittelpunkt seiner kleinen Show stand die Präsentation seines neuesten Albums, das im Oktober 2010 zur Veröffentlichung anstand und das offenbarte, dass Thomm Jutz in seiner neuen Heimat Nashville/Tennessee voll angekommen ist. Sprachlich wie auch mental ist er voll integriert und pflegt mit seinen Kompositionen die Tradition der Singer/Songwriter, die ihre ureigensten Gedanken zusammen mit Selbsterlebtem in Songs verarbeiten. So sind denn auch alle 15 Lieder auf dieser neuen CD von Jutz selbst oder zumindest mitgeschrieben worden. Da gibt er auch viel an persönlichen Gefühlen preis, wenn er zum Beispiel in „You Are With Me“ von seiner Flugangst erzählt, vor allem beim Starten und Landen. Dann denke er an seine engsten Verwandten, an seine Mutter oder an seine Frau, und dann fühlt er „sie sind bei mir, ich bin nicht allein, alles wird gut“. Oder in dem Song „Good People“, wo es um die große Überschwemmung in Nashville Anfang des Jahres 2010 geht. Thomm Jutz war gerade auf Tournee in Kalifornien, als er vom Hochwasser erfuhr. Und so rief er stündlich zu Hause in Nashville an, um zu erfahren, ob sein Studio schon unter Wasser stünde. Gottlob, es ging alles gut, doch als er wieder zu Hause und das Hochwasser zurückgegangen war, da halfen sich alle Nachbarn gegenseitig beim Putzen und Aufräumen, Danke, lieber Gott, für die guten Menschen. Auch in dem Song „Jimmie Rodgers Rode A Train“ beweist Jutz, dass er längst in seinem Amerika angekommen ist, singt er doch nicht nur über die Landschaften, die Menschen, die Flüsse und die Eisenbahnen, sondern auch über den „Vater der Country Music“, über Jimmie Rodgers, den Thomm ganz besonders verinnerlicht haben muß. Er hat sich mit dem Leben von Rodgers beschäftigt, sein Museum in Meridian und auch sein Grab besucht, und er hat einen Song über ihn geschrieben.
Thomm Jutz stammt aus Bühl/Baden, wurde in frühester Jugend mit klassischer Musik auf Klavier und Flöte konfrontiert, lernte Noten lesen und startete mit 12 Jahren seine ersten Gitarrenlektionen. Wichtige Impulse kamen von den Militärsendern AFN und CFN und mit 15 Jahren spielte Thomm Jutz bereits in lokalen Bands. Danach folgte für einige Jahre eine Art Doppelleben: Er studierte während des Tages an der Musikhochschule klassische Gitarre und nachts spielte er in Clubs Blues und Rock. Dann entdeckte er die Musik von Townes Van Zandt, eine Musik, die ihn bis heute geprägt hat. Thomm begann Songs zu schreiben, zunächst in deutscher Sprache, und spielte ein paar CDs ein, außerdem betätigte er sich als Produzent im eigenen Studio. Dann, 2003, wagte er den Umzug nach Nashville/Tennessee in die „Music City USA“, wo er mit vielen jener Musiker und Komponisten zusammentraf, die er bisher nur vom Radio und von Schallplatten gekannt hatte. Er wurde als Musiker und Produzent rasch anerkannt, baute sich ein eigenes Produktionsstudio und genießt unter den Top Stars der Musikmetropole große Hochachtung. Seit Jahren schon gehört er zur Band von Nanci Griffith.
Auch Thomm’s neuestes Album wurde in seinem eigenen „tjtunes“-Studio in Nashville aufgenommen zusammen mit so bekannten Musikern wie Fats Kaplin, Richard Bailey, Robby Turner und vielen anderen, und noch immer spürt man in seinen Songs den großen Einfluß, den Townes Van Zandt einst auf ihn ausgeübt hatte. Stilistisch bewegt sich die Musik von Country, Americana, Roots bis hin zu Bluegrass.
Thomm Jutz sagt über sich und dieses neue Album: „I love to read, I love old black and white photography and I love living in the south. You might see some of the people and places in these songs somewhere some time, read their story or find them in a picture.”

Walter Fuchs

Special Consensus „35“
Compass Records 7 4541 2

Dusk `Til Dawn/ Used To These Old Blues/ Danny’s Dance/ Land Up In The Air/ That’s Tennessee/ Working On A Railroad/ Fourteen Carat Mind/ I Cried Myself Awake/ I’m A Little Bit Lonely/ Have I Loved You Too Late/ Silver Dew On The Bluegrass Tonight/ Country Boy

Um es gleich vorweg zu nehmen, die Gruppe “Special Consensus” aus Chicago wurde 1975 gegründet und feiert deshalb in diesem Jahr, 2010, ihr 35-jähriges Jubiläum mit ihrem 15. Album, das man sinnigerweise „35“ genannt hat. Zwei Pressestimmen dazu: „Yes, Special Consensus may be Chicago’s very own veteran bluegrass band, but talent like this is the property of the world” schreibt die Chicago Tribune und die Salt Lake Tribune meint kurz und bündig: “O Brother, that’s good bluegrass!”
Natürlich haben in den 35 Jahren die Besetzungen dieser Ausnahmeband gewechselt und wenn man genau nachzählt, waren es 14 Gitarristen, 14 Mandolinenspieler, 10 Bassisten und 2 Fiddler, die später teilweise extrem steile Karrieren schafften wie etwa Chris Jones, Robbie Fulks, Dallas Wayne oder Josh Williams. Der ruhende Pol, um den sich alles drehte, war immer der Banjospieler und Bandleader Greg Cahill. Die Band hatte also in den ganzen 35 Jahren immer denselben Mann am Banjo.
Zum 35-jährigen Jubiläum hat sich die Band nun etwas besonderes ausgedacht: Von den insgesamt 12 Titeln stammen die ersten 6 aus dem Jahre 2009, eingespielt in der auch heute noch bestehenden Besetzung mit Greg Cahill, Gesang, Banjo; Rick Faris, Gesang, Mandoline; Ryan Roberts, Gesang, Gitarre und David Thomas, Gesang, Bass. Besonders hervorstechend die A-cappella-Gospelnummer „Land Up In The Air“. Die weiteren Titel mit unterschiedlichen Besetzungen stammen aus den Jahren 1983, 1986, 1993 und 1998, von Alben also, die es längst nicht mehr gibt.
Dabei stellt man fest, dass die musikalische Qualität dieser Band immer ganz hoch angesiedelt war, was den Gesang angeht wie auch das Improvisationstalent der Instrumentalisten. Greg Cahill hatte sein Personal immer mit viel Fingerspitzengefühl ausgewählt, ähnlich wie es sein Kollege Doyle Lawson stets praktizierte. Im Repertoire war auch immer die eine oder andere Swingnummer, auf diesem vorliegenden Album zum Beispiel der Titel „Silver Dew On The Bluegrass Tonight“ aus dem Jahre 1998. Vergleicht man die Neuaufnahmen aus dem Jahre 2009 mit den älteren aus den 80er und 90er Jahren, so fällt auf, dass da neben Greg Cahill, dem Senior, 3 jüngere Kollegen musizieren mit etwas mehr Bluesfeeling und eben einer moderneren Spielweise. Die Zeit ist nicht stehen geblieben, doch geblieben ist das hohe künstlerische Niveau, auf dem sich „Special Consensus“ immer noch bewegt. Wie schrieb doch kürzlich eine Musikzeitschrift: „Special Consensus“ war schon immer eine Brutstätte für spätere grosse Stars.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Walter Fuchs

Roland Heinrich „Warten auf den Zug“
Bear Family BCD 17037

Vorsätzlich/ Es ist nicht gut/ Treib mir die Trübsal aus/ 400 Kilometer bis nach Essen/ Für alles was mal war/ Warten auf den Zug/ Das Lied vom armen Tropf/ Betrübter Jodler # 6/ Ich lauf mir `nen Wolf/ In ferne Länder zieh’n

Wenn man genau nachzählt, ist dies bereits das fünfte Album von Roland Heinrich, diesem Ausnahmekünstler aus dem Ruhrgebiet, der es mit Leichtigkeit schafft den musikalischen Bogen zu schlagen von Jimmie Rodgers’ Blues- und Depressionslyrik aus den 20er und 30er Jahren, über Johnny Cash bis hin zur Großstadtpoesie unserer Zeit. Dabei lässt sich Heinrich stilistisch kaum in einen Rahmen einordnen. Fest steht nur, seine Musik gehört von der Direktheit der Texte, vom Feeling bis zu den musikalischen Arrangements eindeutig zum großen Bereich der Country Musik und dies ausschließlich im positiven Sinne. Und wer da behauptet, Country auf Deutsch geht nicht, dem muß man energisch widersprechen. So wie es einst Udo Lindenberg geschafft hat, Rocktexte in deutscher Sprache künstlerisch zufriedenstellend zu verarbeiten, so gelingt es Roland Heinrich im Rahmen der Country Musik akzeptable Texte in einer Art poetischen Alltagssprache abzuliefern. Ja, die Übertragung der alten Jimmie Rodgers Songs ins Deutsche ist bei ihm sogar eine Meisterleistung. Das Ganze immer überlagert von der inzwischen bekannten Roland Heinrich Melancholie, die süchtig machen kann.
Dieses neue Roland Heinrich Album präsentiert eine geniale Zusammenstellung alter und neuerer Aufnahmen gekoppelt mit „Für alles was mal war“ einem bisher unveröffentlichen Titel aus der Jimmie Rodgers Session von 2004, sowie einer unveröffentlichten Trompeten-Single-Version von „400 Kilometer bis nach Essen“ aus dem Jahre 2006. Die neuesten Songs „Es ist nicht gut“ und „Ich lauf mir `nen Wolf“ stammen aus der Cowboy Jazz-Session von 2010. Beim dem letzteren Song handelt es sich im Original um den Ernest Tubb Ohrwurm „I’m Walkin’ The Floor Over You“. Highlights des Albums sind natürlich die Jimmie Rodgers Klassiker „Treib mir die Trübsal aus“ und „Warten auf den Zug“.
Für jeden Roland Heinrich Fan ist dieses neue Album ein Muß, für jeden, der Roland Heinrich kennen lernen will, ist dies der beste Einstieg.

Walter Fuchs

Mandy Strobel „From Then Till Now“
Songhouse 2010

My Cabin On The Hill/Where Did All The Whittlers Go/ From Then Till Now/ Texas Blues In Tennessee/ See That Golden Moon/ Apple Picking Time/ The Waltz Of The Whispering Wind/ Thunder Storm/ A Singer Named Mandy/ Old Age Is Creeping Up On You/ South Of Belen/ Heavenly Howdown

Es waren einst die Reflexionen des Alltags, die kleinen Geschichten und Impressionen, die den Charme der Country Music ausmachten. Nur wenig ist davon im heutigen kommerziellen Trubel dieser Musik davon übrig geblieben. Einer, der an der Tradition des Geschichtenerzählens noch festhält, lebt ausgerechnet in Deutschland. Es ist der Sänger, Gitarrist und Komponist Mandy Strobel, der unter Amerikanern aufgewachsen ist und ein feines Gefühl für die Kleinigkeiten des Lebens mitbringt. Zwischen Oktober 2009 und April 2010 hatte sich Mandy immer wieder im Creek Studio in Nashville aufgehalten und dort zusammen mit dem Musiker und Produzenten Brent Moyer dieses neue Album produziert, das durch einen feinfühligen transparenten Laid-Back-Sound fasziniert. Mandy Strobel selbst Gesang und Rhythmusgitarre, während Brent Moyer diverse Gitarren, Dobro und Bass bedient. Als Duettpartner findet man in dem einen oder anderen Stück Katja Kaye und Joe Sun. Die Texte stammen von Ron Davis, die Musik dazu hat Mandy geschrieben.
Ja, und dann geht es durch alle möglichen Stimmungen und Situationen. „Where Did All The Whittlers Go“ wundert sich Mandy, “wo sind denn all die alten Männer hin, die einst gelangweilt im Park herumsaßen und an kleinen Holzstückchen herumschnitzten ?“ Sie sind einfach nicht mehr zu finden. Erinnerungen an Jimmie Rodgers gibt es in „Texas Blues in Tennessee“ und in „A Singer Named Mandy“ erklärt Mandy Strobel, warum er mit einem Mädchenname auf dieser Welt herumlaufen muß. Und in „Old Age Is Creeping Up On You“ wird man mit dem alltäglichen Phänomen eines über 60 Jährigen konfrontiert. Wenn du Schwierigkeiten hast aus deinem Pyjama zu kommen oder Probleme beim Anziehen der Socken hast, und dich überhaupt überall Schmerzen plagen, dann kriecht das Alter an Dir hoch. Es passiert nicht über Nacht. Du siehst in den Spiegel und denkst, ich sehe genau so aus wie gestern, falsch. Irgendeine kleine Falte ist neu im Gesicht, nur, du siehst es nicht sofort. Das Alter kriecht eben langsam an dir hoch.
Dies alles singt Mandy mit jenem sympathischen Tremolo in der Stimme, das manchmal an Johnny Cash erinnert.
Diese neue CD ist die erste aus einer Serie von 5, man darf also gespannt sein auf die weiteren 4.

Walter Fuchs

Dailey & Vincent „Sing The Statler Brothers“
Rounder 0640-2

Flowers On The Wall/Class Of ‘57/ Hello Mary Lou Goodbye Heart/ Too Much On My Heart/ Susan When She Tried/ I’ll Go To My Grave Lovin’ You/ Elizabeth/ Bed Of Roses/ Do You Know You Are My Sunshine/ The Brave Apostles Twelve/ My Only Love/ Thank You World

Im Jahre 2008 brach das Duo Jamie Dailey und Darrin Vincent zusammen mit seiner Band mit einem Knall in die Bluegrass Szene ein. Dailey, der mit seiner wunderbaren Tenorstimme jahrelang in der Band von Doyle Lawson aufgefallen war und Darrin Vincent, der bei Ricky Skaggs gesungen und musiziert hatte, hatten sich zusammengetan und schon ihr erstes Album brachte ihnen den Emerging Artist of the Year Award ein zusätzlich zur Entertainer of the Year Auszeichnung. Dies war ein sensationeller Einstieg und seither fahren die beiden einen Erfolgskurs, der nicht abzureißen scheint. Die geschmeidigen Stimmen der beiden Frontmänner passen tatsächlich ideal zusammen, auch wenn sie zu oft ins etwas Süßliche abgleiten. Doch in den USA kommt das Duo unheimlich gut an und auch dieses neueste Album stieg nach seiner Veröffentlichung sofort auf Pos. 1 der Billboard Top Bluegrass Albums ein und verweilte dort 9 Wochen, ja sogar in den Billboard Country Album Charts stieg die Produktion auf Pos.19 ein, kein Wunder, denn man hat dieses neue Album der Musik der berühmten Statler Brothers gewidmet, einem Gesangsquartett, das sich vor einigen Jahren aus dem Musikgeschäft zurückgezogen hat und dem ganz Amerika immer noch nachzuweinen scheint. Man kann es nachvollziehen, denn was die legendären Statler Brothers über einige Jahrzehnte hinweg an wunderschönen Songs abgeliefert haben, das kann sich hören lassen. Diese kraftvollen Stimmen und diese dramatischen Geschichten, da blieb oft kein Auge trocken.
Ja, und an diese gewaltigen Songs der Statler Brothers haben sich Dailey & Vincent, übrigens der Bruder von Rhonda Vincent, nun herangewagt. Vor einem solch gewagten Unternehmen stellt sich natürlich die Frage, übernehme ich nur die Songs und integriere sie in meinen Musikstil oder bewege ich mich stilistisch auf die berühmten Vorbilder zu? Dailey & Vincent haben sich für Letzteres entschieden. Sie haben noch 3 weitere Sänger für die Aufnahmesession engagiert, den bekannten Sound der Statlers, so gut es eben ging, kopiert, den Bluegrass-Sound etwas zurückgefahren und schon war der Erfolg vorprogrammiert. Bleibt nur die Frage für den, der alle Statler Brothers Platten besitzt: Höre ich mir jetzt das Original an oder die Kopie? Ich würde mich immer für das Original entscheiden, aber in den USA wie auch hierzulande in Europa, gibt es inzwischen sicherlich genug Fans von Dailey & Vincent, die keine Ahnung von den Statlers haben und die werden von dieser musikalisch astreinen Produktion begeistert sein.

Walter Fuchs